STAATSRAT

Der Glaube an Gott

Vor Kurzem wurde ich gefragt:
"Was bringt es dir, dass du nicht an Gott glaubst?"

Das ist für mich eine seltsame Frage, denn ich glaube nicht deswegen nicht an Gott, weil ich mir etwas davon verspreche.
Ich bemühe mich immer um Vernunft und Objektivität, und blinder Glaube ist für mich genau das Gegenteil davon.

Wenn ich auf ein mir unbekanntes Phänomen stoße, suche ich nach einer Erklärung. Wenn ich keine finde, stelle ich bestenfalls eine plausible Vermutung auf, die theoretisch eine Antwort darstellen könnte. Finde ich keine passende, so muss ich mich damit abfinden.

Nun gibt es Leute, die behaupten, für manche Phänomene sei eben Gott die einzige naheliegende Vermutung, und es gebe sogar Anzeichen für die Existenz eines Gottes. Doch ob ich diesen Behauptungen eine Bedeutung beimessen kann, hängt davon ab, wie Gott eigentlich definiert ist.

Gott = ?

Auf die Frage, was für sie Gott ist, antworten viele Christen Dinge wie "Gott ist x", wobei das "x" meistens ein Element der Menge { Licht, Liebe, Hoffnung, die Kraft, die alles durchdringt, usw. usf. } ist.
Diese Definitionen sind natürlich nicht nur naiv, sondern völlig unbrauchbar. Denn angenommen, es gelte "Gott == Hoffnung", dann wäre ich der Meinung, dass es Gott gibt, da für mich kein Grund besteht, an der Existenz von Hoffnung zu zweifeln. Allerdings lässt sich Hoffnung noch am ehesten in die Kategorie "Gedanke" einordnen, und die wenigsten Gläubigen behaupten, Hoffnung habe das Universum erschaffen oder ein Gedanke wäre allmächtig. Mit der Methode "Gott mit etwas gleichsetzen, dessen Existenz plausibel ist", macht man es sich zu einfach.

Der bärtige alte Mann

Abgesehen von diesen Trivialitäten gibt es noch massenhaft Definitionen für Gott. Auch innerhalb des Christentums sind diese keineswegs einheitlich. Auf den bärtigen alten Mann auf seinem Himmelsthron möchte ich hier nicht eingehen. Doch eine andere populäre Definition dürfte etwa so aussehen:

Gott ist ein allmächtiges Wesen, dass die Welt erschaffen hat und sie kontrolliert.

Gott wäre also demnach allmächtig. Leider haben allmächtige Wesen den Nachteil, dass sie zu paradoxen Situationen führen können. Denn wenn ein Wesen ALLES kann, dann kann es auch Dinge tun, die unmöglich sind.

Kann Gott einen Stein erschaffen, den er selbst nicht heben kann?
Diese Frage stellt einen Gläubigen vor ein unlösbares Problem. Denn ganz egal, wie die Antwort lautet, sie spräche immer gegen die Allmacht Gottes. In jedem Fall gäbe es etwas, was Gott nicht kann: Entweder den Stein heben, oder ihn erschaffen.
Leider tendieren Gläubige in so einer Situation dazu, in kindlichem Trotz einfach zu behaupten, er könne trotzdem allmächtig sein, in grober Ignoranz gegenüber der Logik.
Jemand, der Logik ablehnt, lehnt damit gleichzeitig auch jede Sachlichkeit und schlussfolgernde Argumentation ab und führt damit jede Diskussion ad absurdum.

Wenn also Allmacht ein Teil der Definition von Gott ist, ist seine Existenz unlogisch und somit keine akzeptable Erkärung für irgend etwas.

Urknall?

Was übrigbleibt, ist zum Einen die Erschaffung der Welt.
Wissenschaftler versuchen fieberhaft, die Entstehung des Universums zu erforschen. Wie nahe sie dem Ziel sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Im Endeffekt wissen wir jedoch immer noch nicht, wer das Universum erschaffen hat, ob es überhaupt ein "jemand" war, und warum es geschehen ist. Basierend auf meinen Kenntnissen ist die Theorie, dass es Gott war, genau so wahrscheinlich wie alle anderen Theorien darüber - vorausgesetzt, man interpretiert die Bibel im übertragenen Sinne. Im wörtlichen Sinn ist die Genesis widerlegt.
Es wäre meiner Ansicht nach nicht vernünftig, sich eine Theorie auszusuchen und sie zu "glauben", ohne Hinweise zu haben, dass sie wahrscheinlicher ist als die anderen Theorien.
Zudem ist es für die Gott-Theorie absolut irrelevant, ob er allmächtig ist (er muss nur mächtig genug sein, das Universum zu erschaffen) oder ob er noch immer existiert (er könnte auch nach der Genesis verschwunden sein).

Zwar ist die Meinung weit verbreitet, Gott sei aus der Natur ersichtlich, da sie viele wunderbare Dinge enthalte, die nur von einer Intelligenz geschaffen worden sein könnten. Diese Meinung resultiert jedoch bei den meisten Gläubigen aus einer naiven Weltsicht: Sie mystifizieren Dinge, die sie nicht verstehen, deren Hintergründe sie nicht kennen oder die ihnen schön erscheinen. Wenn sie 'Natur' sagen, meinen sie Blumen und Schmetterlinge. Dass sich hinter dieser schönen Fassade ein immerwährender, bisweilen äußerst brutaler Kampf ums Überleben abspielt, ist zwar bekannt, wird jedoch verdrängt.
Im Übrigen widerspricht die Schöne-Natur-Sichtweise diversen anderen Punkten der christlichen Ideologie (s. In Christianitatem I)

Mancher Gläubige begründet seine Überzeugung von der Existenz eines Gottes auf eine Vision oder etwas ähnliches, im allgemeinen "Gotteserfahrung" genannt. Die Schilderungen solcher Erfahrungen sind meistens jedoch sehr vage und die Verbindung zwischen ihnen und der christlichen Religion ist rein willkürlich. Menschen in anderen Kulturkreisen nennen diese Erfahrungen anders (z.B. Satori) und bringen sie mit anderen Dingen in Verbindung, von denen sie dann ebenso überzeugt sind wie die Christen von ihrem Gott.

Gottes Wege ...

Gläubige, die von der obengenannten Definition ausgehen, behaupten, Gott kontrolliere das Universum. Ich frage mich vor allem, angesichts des Zustandes, in dem sich die Erde befindet, ob das Universum überhaupt in irgendeiner Weise kontrolliert wird. Gläubige machen es sich hier wieder sehr einfach, indem sie einen "göttlichen Plan" zwar postulieren, aber gleichzeitig zugeben, dass er von Menschen nicht erkannt, geschweige denn erklärt oder auch nur verstanden werden könne. In jedem Fall jedoch gibt es keinen Grund, so etwas anzunehmen, denn es macht für mich keinen Unterschied, ob es einen göttlichen Plan gibt, von dem ich nie etwas bemerken werde, oder ob es keinen gibt.

Occam's Razor

Wenn man also die Allmacht aus der Definition Gottes herauslässt, ist seine Existenz nicht mehr unmöglich, doch gäbe es weiterhin keine triftige Begründung für die Annahme, es gäbe ihn.

Christen

Gebete

Die Definition des Gottes der Christen beinhaltet noch mehr Aspekte. Da ist z.B. die Annahme, Gott sei barmherzig und gütig, und er helfe den Menschen in der Not.
Was das "Helfen" und die "Güte" anbelangt, so habe ich angesichts der Welt meine Zweifel.
Doch wer schon einmal versucht hat, gegenüber einem Gläubigen die Effektivität des Betens in Frage zu stellen, weiß, dass das so gut wie unmöglich ist. Gläubige stehen auf dem Standpunkt: "Bete ich, dann wird mir Gott helfen. Hilft er mir nicht, habe ich nicht genug gebetet. Hilft er mir, ohne dass ich bete, so war er gütig."
Da das Wirken Gottes also nicht proportional zum Ausmaß des Betens ist und auch sonst selten konstant zu bleiben scheint (Gerechte müssen ebenso leiden wie Schurken, wenn nicht noch mehr), ist es unmöglich, einen direkten Zusammenhang zwischen Gott und den Geschehnissen auf der Erde herzustellen.

Antworten

Wie gesagt gibt es Leute, vornehmlich Christen, die der Meinung sind, viele Dinge lassen sich nur mit Gott erklären.
Bei genauerer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass Gott eine Theorie ist, mit der sich herzlich wenig erklären lässt.
So hat mir z.B. noch kein Gottesgläubiger erklären können, warum Gott es zulässt, dass auf der Erde die meiste Zeit Blut, Verwüstung, Tod, Krieg und Horror herrschen, wo Gott doch angeblich alle Menschen liebt und beschützt (abgesehen natürlich von den Ungläubigen, Geschiedenen, Schwulen, Lesben und anderen Verbrechern ...).
Die Standardausrede hierbei ist, dass dafür ja die Menschen, deren freien Willen Gott nicht beeinflussen will (außer natürlich durch Drohungen mit Hölle, Fegefeuer usw. und - auf der anderen Seite - mit Verlockungen wie Himmelreich, ewige Glückseligkeit usw.), selbst verantwortlich seien. Ich bringe an dieser Stelle Krankheiten und Naturkatastrophen (die es auch schon gab, bevor der Mensch begann, in die Umwelt einzugreifen) als Argument, und bekomme regelmäßig zu hören: "So ist nun einmal die Natur".

Unterschied

Letztendlich stellt sich die Frage:
Wenn man von Gott nichts merkt, wenn er sich nicht beeinflussen lässt, wenn die Natur eben die Natur ist, wenn Gott die Menschen nicht daran hindern will, Unheil zu verbreiten - was macht es dann für einen Unterschied, ob er existiert oder nicht?

Warum soll man dann an ihn glauben?

Es bleibt also als naheliegende Antwort auf obige Frage nur eine Gegenfrage:

"Was würde es mir bringen, an Gott zu glauben?"

Antwort:
Eine Illusion, die ich nur aufrecht erhalten könnte, wenn ich das logische Denken aufgeben würde. Und das kann und will ich nicht tun.
Ich könnte natürlich, wie so viele Christen, in allen anderen Bereichen logisch denken, und nur beim Thema Gott das Gehirn ausschalten.
Aber das fände ich irgendwie inkonsequent, und wenn ich ehrlich bin, auch ein wenig lächerlich.

staatsrat am 2.9.09 23:07

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