STAATSRAT

Der Glaube an Gott

Vor Kurzem wurde ich gefragt:
"Was bringt es dir, dass du nicht an Gott glaubst?"

Das ist für mich eine seltsame Frage, denn ich glaube nicht deswegen nicht an Gott, weil ich mir etwas davon verspreche.
Ich bemühe mich immer um Vernunft und Objektivität, und blinder Glaube ist für mich genau das Gegenteil davon.

Wenn ich auf ein mir unbekanntes Phänomen stoße, suche ich nach einer Erklärung. Wenn ich keine finde, stelle ich bestenfalls eine plausible Vermutung auf, die theoretisch eine Antwort darstellen könnte. Finde ich keine passende, so muss ich mich damit abfinden.

Nun gibt es Leute, die behaupten, für manche Phänomene sei eben Gott die einzige naheliegende Vermutung, und es gebe sogar Anzeichen für die Existenz eines Gottes. Doch ob ich diesen Behauptungen eine Bedeutung beimessen kann, hängt davon ab, wie Gott eigentlich definiert ist.

Gott = ?

Auf die Frage, was für sie Gott ist, antworten viele Christen Dinge wie "Gott ist x", wobei das "x" meistens ein Element der Menge { Licht, Liebe, Hoffnung, die Kraft, die alles durchdringt, usw. usf. } ist.
Diese Definitionen sind natürlich nicht nur naiv, sondern völlig unbrauchbar. Denn angenommen, es gelte "Gott == Hoffnung", dann wäre ich der Meinung, dass es Gott gibt, da für mich kein Grund besteht, an der Existenz von Hoffnung zu zweifeln. Allerdings lässt sich Hoffnung noch am ehesten in die Kategorie "Gedanke" einordnen, und die wenigsten Gläubigen behaupten, Hoffnung habe das Universum erschaffen oder ein Gedanke wäre allmächtig. Mit der Methode "Gott mit etwas gleichsetzen, dessen Existenz plausibel ist", macht man es sich zu einfach.

Der bärtige alte Mann

Abgesehen von diesen Trivialitäten gibt es noch massenhaft Definitionen für Gott. Auch innerhalb des Christentums sind diese keineswegs einheitlich. Auf den bärtigen alten Mann auf seinem Himmelsthron möchte ich hier nicht eingehen. Doch eine andere populäre Definition dürfte etwa so aussehen:

Gott ist ein allmächtiges Wesen, dass die Welt erschaffen hat und sie kontrolliert.

Gott wäre also demnach allmächtig. Leider haben allmächtige Wesen den Nachteil, dass sie zu paradoxen Situationen führen können. Denn wenn ein Wesen ALLES kann, dann kann es auch Dinge tun, die unmöglich sind.

Kann Gott einen Stein erschaffen, den er selbst nicht heben kann?
Diese Frage stellt einen Gläubigen vor ein unlösbares Problem. Denn ganz egal, wie die Antwort lautet, sie spräche immer gegen die Allmacht Gottes. In jedem Fall gäbe es etwas, was Gott nicht kann: Entweder den Stein heben, oder ihn erschaffen.
Leider tendieren Gläubige in so einer Situation dazu, in kindlichem Trotz einfach zu behaupten, er könne trotzdem allmächtig sein, in grober Ignoranz gegenüber der Logik.
Jemand, der Logik ablehnt, lehnt damit gleichzeitig auch jede Sachlichkeit und schlussfolgernde Argumentation ab und führt damit jede Diskussion ad absurdum.

Wenn also Allmacht ein Teil der Definition von Gott ist, ist seine Existenz unlogisch und somit keine akzeptable Erkärung für irgend etwas.

Urknall?

Was übrigbleibt, ist zum Einen die Erschaffung der Welt.
Wissenschaftler versuchen fieberhaft, die Entstehung des Universums zu erforschen. Wie nahe sie dem Ziel sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Im Endeffekt wissen wir jedoch immer noch nicht, wer das Universum erschaffen hat, ob es überhaupt ein "jemand" war, und warum es geschehen ist. Basierend auf meinen Kenntnissen ist die Theorie, dass es Gott war, genau so wahrscheinlich wie alle anderen Theorien darüber - vorausgesetzt, man interpretiert die Bibel im übertragenen Sinne. Im wörtlichen Sinn ist die Genesis widerlegt.
Es wäre meiner Ansicht nach nicht vernünftig, sich eine Theorie auszusuchen und sie zu "glauben", ohne Hinweise zu haben, dass sie wahrscheinlicher ist als die anderen Theorien.
Zudem ist es für die Gott-Theorie absolut irrelevant, ob er allmächtig ist (er muss nur mächtig genug sein, das Universum zu erschaffen) oder ob er noch immer existiert (er könnte auch nach der Genesis verschwunden sein).

Zwar ist die Meinung weit verbreitet, Gott sei aus der Natur ersichtlich, da sie viele wunderbare Dinge enthalte, die nur von einer Intelligenz geschaffen worden sein könnten. Diese Meinung resultiert jedoch bei den meisten Gläubigen aus einer naiven Weltsicht: Sie mystifizieren Dinge, die sie nicht verstehen, deren Hintergründe sie nicht kennen oder die ihnen schön erscheinen. Wenn sie 'Natur' sagen, meinen sie Blumen und Schmetterlinge. Dass sich hinter dieser schönen Fassade ein immerwährender, bisweilen äußerst brutaler Kampf ums Überleben abspielt, ist zwar bekannt, wird jedoch verdrängt.
Im Übrigen widerspricht die Schöne-Natur-Sichtweise diversen anderen Punkten der christlichen Ideologie (s. In Christianitatem I)

Mancher Gläubige begründet seine Überzeugung von der Existenz eines Gottes auf eine Vision oder etwas ähnliches, im allgemeinen "Gotteserfahrung" genannt. Die Schilderungen solcher Erfahrungen sind meistens jedoch sehr vage und die Verbindung zwischen ihnen und der christlichen Religion ist rein willkürlich. Menschen in anderen Kulturkreisen nennen diese Erfahrungen anders (z.B. Satori) und bringen sie mit anderen Dingen in Verbindung, von denen sie dann ebenso überzeugt sind wie die Christen von ihrem Gott.

Gottes Wege ...

Gläubige, die von der obengenannten Definition ausgehen, behaupten, Gott kontrolliere das Universum. Ich frage mich vor allem, angesichts des Zustandes, in dem sich die Erde befindet, ob das Universum überhaupt in irgendeiner Weise kontrolliert wird. Gläubige machen es sich hier wieder sehr einfach, indem sie einen "göttlichen Plan" zwar postulieren, aber gleichzeitig zugeben, dass er von Menschen nicht erkannt, geschweige denn erklärt oder auch nur verstanden werden könne. In jedem Fall jedoch gibt es keinen Grund, so etwas anzunehmen, denn es macht für mich keinen Unterschied, ob es einen göttlichen Plan gibt, von dem ich nie etwas bemerken werde, oder ob es keinen gibt.

Occam's Razor

Wenn man also die Allmacht aus der Definition Gottes herauslässt, ist seine Existenz nicht mehr unmöglich, doch gäbe es weiterhin keine triftige Begründung für die Annahme, es gäbe ihn.

Christen

Gebete

Die Definition des Gottes der Christen beinhaltet noch mehr Aspekte. Da ist z.B. die Annahme, Gott sei barmherzig und gütig, und er helfe den Menschen in der Not.
Was das "Helfen" und die "Güte" anbelangt, so habe ich angesichts der Welt meine Zweifel.
Doch wer schon einmal versucht hat, gegenüber einem Gläubigen die Effektivität des Betens in Frage zu stellen, weiß, dass das so gut wie unmöglich ist. Gläubige stehen auf dem Standpunkt: "Bete ich, dann wird mir Gott helfen. Hilft er mir nicht, habe ich nicht genug gebetet. Hilft er mir, ohne dass ich bete, so war er gütig."
Da das Wirken Gottes also nicht proportional zum Ausmaß des Betens ist und auch sonst selten konstant zu bleiben scheint (Gerechte müssen ebenso leiden wie Schurken, wenn nicht noch mehr), ist es unmöglich, einen direkten Zusammenhang zwischen Gott und den Geschehnissen auf der Erde herzustellen.

Antworten

Wie gesagt gibt es Leute, vornehmlich Christen, die der Meinung sind, viele Dinge lassen sich nur mit Gott erklären.
Bei genauerer Betrachtung stellt sich jedoch heraus, dass Gott eine Theorie ist, mit der sich herzlich wenig erklären lässt.
So hat mir z.B. noch kein Gottesgläubiger erklären können, warum Gott es zulässt, dass auf der Erde die meiste Zeit Blut, Verwüstung, Tod, Krieg und Horror herrschen, wo Gott doch angeblich alle Menschen liebt und beschützt (abgesehen natürlich von den Ungläubigen, Geschiedenen, Schwulen, Lesben und anderen Verbrechern ...).
Die Standardausrede hierbei ist, dass dafür ja die Menschen, deren freien Willen Gott nicht beeinflussen will (außer natürlich durch Drohungen mit Hölle, Fegefeuer usw. und - auf der anderen Seite - mit Verlockungen wie Himmelreich, ewige Glückseligkeit usw.), selbst verantwortlich seien. Ich bringe an dieser Stelle Krankheiten und Naturkatastrophen (die es auch schon gab, bevor der Mensch begann, in die Umwelt einzugreifen) als Argument, und bekomme regelmäßig zu hören: "So ist nun einmal die Natur".

Unterschied

Letztendlich stellt sich die Frage:
Wenn man von Gott nichts merkt, wenn er sich nicht beeinflussen lässt, wenn die Natur eben die Natur ist, wenn Gott die Menschen nicht daran hindern will, Unheil zu verbreiten - was macht es dann für einen Unterschied, ob er existiert oder nicht?

Warum soll man dann an ihn glauben?

Es bleibt also als naheliegende Antwort auf obige Frage nur eine Gegenfrage:

"Was würde es mir bringen, an Gott zu glauben?"

Antwort:
Eine Illusion, die ich nur aufrecht erhalten könnte, wenn ich das logische Denken aufgeben würde. Und das kann und will ich nicht tun.
Ich könnte natürlich, wie so viele Christen, in allen anderen Bereichen logisch denken, und nur beim Thema Gott das Gehirn ausschalten.
Aber das fände ich irgendwie inkonsequent, und wenn ich ehrlich bin, auch ein wenig lächerlich.

staatsrat am 2.9.09 23:07, kommentieren

Werbung


Das Kapital - Einschätzungen und Fehleinschätzungen

Eine Volkswirtschaft ist eine komplizierte Angelegenheit. Sie ist so kompliziert, dass sich seit mehreren Jahrhunderten Wirtschaftswissenschaftler und Philosophen mit Analyse und Problemlösungsvorschlägen auseinandergesetzt haben, mit unterschiedlichem Erfolg.

Aufgrund der Industrialisierung, die für große Teile der Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts eine traumatisierende Erfahrung war, entstand der Kommunismus, der auf den deutschen Philosophen Karl Marx zurückgeht.

Obwohl seine Lehre viele Fehleinschätzungen enthält, diente diese Ideologie in vielen Staaten Osteuropas, Südamerikas und Asiens als Grundlage von Herrschaftssystemen. Doch obwohl inzwischen viele dieser Staaten trotz zahlreicher Versuche, sie mit Gewalt aufrecht zu erhalten (wobei oft mit einer nahezu beispiellosen Brutalität vorgegangen wurde), zu Grunde gegangen sind, hält sich die Ideologie hartnäckig in den Köpfen vieler Menschen.

Hier sind einige Aussagen, die man von Alt- und Neosozialisten und sonstigen "antikapitalistischen" Theoretikern immer wieder hört:
  1. Das Kapital in einem marktwirtschaftlichen System ist ungerecht verteilt.
  2. Es fließt beständig von den "Ärmeren" zu den "Reicheren".
  3. Es herrscht Massenarmut.
  4. Es herrscht Massenarbeitslosigkeit.
  5. Zins bedeutet Ausbeutung.
  6. usw. ...

Ich muss zugeben, dass ich "Das Kapital" nicht gelesen habe, doch man sagte mir, es sei langatmig und schwer verständlich. Auf Grund obiger Aussagen von Sozialisten bzw. Kommunisten scheint es jedoch, als ob Karl Marx und seine Anhänger die Volkswirtschaft selbst nicht allzu sehr verstanden hätte.

Ein Beleg, dass Karl Marx keine allzu große wirtschaftswissenschatliche Kompetenz gehabt haben dürfte, ist seine Befürchtung, durch die Entwicklungen der Kapitalwirtschaft könnten sich die Arbeiter ihre eigenen Produkte nicht mehr leisten können, wodurch die Nachfrage zurückgehen und das Wirtschaftssystem in eine Krise geraten könnte.

Auf den ersten Blick erscheint das realistisch: Der Preis eines Autos entspricht einigen Monatseinkommen eines Arbeiters, der in einer KFZ-Fabrik tätig ist. Doch wenn man bedenkt, dass es ja nicht der eine Arbeiter ist, der ein KFZ hergestell hat, sondern Tausende, angefangen vom Bergarbeiter, der das Aluminiumerz fördert, bis zu den Ingenieuren, die die Roboter konzipieren, die wiederum die Autos zusammenschweißen, so merkt man, dass in einem KFZ sehr viel mehr Arbeit steckt, als sich der einzele Arbeiter wahrscheinlich vorstellen kann. Dadurch kann ein hoher Preis für ein KFZ durchaus gerechtfertigt sein.

Und es hat auch keinen Sinn, die Nachfrage durch staatliche Regelung künstlich steigern zu wollen, wie ein Ende der 1990er Jahre überraschend zurückgetretener sozialistischer Finanzminister es gerne getan hätte.

Wenn man die Nachfrage künstlich erhöht, erhöht man automatisch die Preise, womit man im Endeffekt nichts erreicht hat. Allerdings würde wohl kaum ein Sozialist davor zurückschrecken, der Industrie und dem Handel unter Androhung von Strafe gleichbleibende Preise vorzuschreiben.

Die sogenannte Soziale Gerechtigkeit

Ob Aussage 1 von oben stimmt, hängt davon ab, wie man "gerecht" definiert. Bedeutet Gerechtigkeit, dass jeder dasselbe bekommen soll? Oder soll jeder das bekommen, was er sich verdient hat?

Es scheint, als ob Sozialisten allgemein der Ansicht seien, dass ersteres zutrifft.

Gerne wird von Sozialisten daran Anstoß genommen, dass in Deutschland 10% der Bevölkerung 50% des Kapitals besitzen. Das, so sagen sie, sei nicht akzeptabel, und deshalb müsse das Kapital "gerechter" umverteilt werden.

Ich habe von mehreren Sozialisten ähnliche Berechnungen gehört, wobei jedoch die Zahlenangaben stark variierten Selbst wenn diese Angaben richtig wären, sähe ich darin kein grundsätzliches ethisches Problem. Besitztum allein ist an sich nichts Unmoralisches. Es kommt immer darauf an, auf welche Weise der Besitz erworben wurde. Die meisten der sogenannten "Besserverdienenden" beziehen ihr Einkommen nicht durch Diebstahl oder Betrug, sondern durch die Qualität und Menge ihrer Arbeit.

(Die Tatsache, dass die Angehörigen der mittleren und höheren Einkommensklassen den überwiegenden Teil der Steuer- und Abgabenlast tragen, wird von den Sozialisten beharrlich ignoriert).

Desweiteren sehe ich wenig Gerechtigkeit darin, den "Reichen" das Geld wegzunehmen und es den "Armen" zu geben. Das wäre eher eine Ungerechtigkeit, da ja derjenige, der durch harte Arbeit viel verdient, mit hohen Abgaben und Steuern bestraft würde. Damit bestünde keinerlei Anreiz mehr für hochqualifizierte Arbeit.

Soziale Gerechtigkeit bedeutet, dass jeder Einzelne die Chance haben muss, ein annehmbares Einkommen zu verdienen. Dass das in Deutschland oft nicht der Fall ist, liegt weniger am System der Marktwirtschaft, sondern meines Erachtens eher an der Qualität des Bildungssystems (s. unten).

Umverteilung

Ausgehend von Aussage 2 ergibt sich die Vermutung, dass Sozialisten von der Annahme ausgehen, die Gesamtmenge an Kapital in einer Volkswirtschaft bleibe immer gleich. Daher sind sie der Meinung, dass, immer wenn sich jemand ein größeres Stück vom Kuchen des Kapitals abschneidet, dieses Stück dann jemand anderem fehlt. Dies beschrieb 1998 der Anführer einer ostdeutschen kommunistischen Partei mit folgenden Worten:
"Immer, wenn es jemandem besser geht, muss es ja jemand anderem dafür schlechter gehen."

Diese Annahme hat mit der Realität nichts zu tun.

Die Menge an Kapital in einem Wirtschaftssystem bleibt nicht gleich, sondern sie steigt. Wirtschaft ist nichts anderes als die Umwandlung von Rohstoffen in Waren.

Ausgehend von der Annahme, dass weder eine starke Inflation noch eine starke Deflation herrscht (was in Deutschland mitte der 1990er Jahre der Fall war), vermehrt sich die Menge des Geldes parallel zur Menge der Waren. Deshalb kann ein Einzelner durchaus sein Einkommen vergrößern, ohne dass dafür das Einkommen eines anderen vermindert wird.

Armes Deutschland?

In sozialistischen Kreisen gibt es mannigfaltige Theorien, die belegen sollen, dass das Kapital nicht nur ungerecht verteilt sei, sondern dass ein beständiger Geldfluss von den "Armen" zu den "Reichen" bestehe, dass also die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher würden. Es werden Statistiken herangezogen, mit denen das steigende Gesamtvermögen Deutschlands, die Zinslast und die Arbeitslosigkeit in Relation gesetzt werden sollen.

Mir ist jedoch nicht klar, wo dieser Effekt in der Realität zu beobachten sein soll, besonders, da die Sozialisten hier nicht vom internationalen Kapitalismus sprechen (was noch verständlich wäre) sondern sich ganz konkret auf Deutschland beziehen. Nach 1945 war ein großer Teil der deutschen Infrastruktur zerstört. Reichtum gab es so gut wie gar nicht mehr. Eine sehr große Anzahl deutscher Bürger waren notleidend, viele verhungerten.

Wie wäre Deutschland zu dem Reichtum gekommen, den es heute hat, wenn die Menge des Kapitals seitdem gleich geblieben wäre? Im Vergleich zum Einkommmensniveau von 1949 ist das heutige Einkommen eines deutschen Arbeiters immens gestiegen, wobei sich die Arbeitszeit drastisch verkürzt hat. Wie wäre dies möglich, wenn immer nur eine Umverteilung von arm nach reich stattgefunden hätte?

Auch wenn die Einkommen mancher Berufe im Vergleich zum deutschen Durchschnitt als niedrig erscheinen, so leben heute doch der Großteil der Deutschen mit einem Lebensstandard, den frühere Generationen oder die Bewohner ärmerer Länder nur als Luxus bezeichnen können: In fast allen deutschen Haushalten befindet sich heute ein Fernseher, in den meisten ein Videorecorder, und der Großteil der deutschen Familien besitzt mindestens ein Auto. Mittlerweile setzt sich auch der PC als Standardausrüstung durch. Für die Bedürftigen gibt es Sozialhilfe und Arbeitslosengeld. Deutschland besitzt ein soziales Netz und ein Gesundheitssystem. Freilich funktioniert das in der Praxis nicht so, wie es in der Theorie gemeint ist. Doch kommunistische Horrorprognosen von einem in Armut, Chaos und Ausbeutung versinkenden Staat entbehren meiner Einschätzung nach jeglicher Grundlage.

Und dennoch mahnen Sozialisten seit 100 Jahren, dass eine immense Konzentration allen Kapitals auf eine geringe Minderheit nur noch eine Frage der Zeit sei.

Angenommen, dem wäre so, und das gesamte Kapital würde irgendwann einigen wenigen Menschen gehören - was würden sie damit tun? Wenn man davon ausgeht, dass sie es nicht in Bar in einem Geldspeicher horten und regelmäßig darin baden, und auch nicht ihre Wohnung mit Wertpapieren tapezieren oder gar heizen würden, dann bleibt eigentlich nur, dass sie es ausgeben werden und es dadurch wieder in den Wirtschaftskreislauf einbringen.

Gerne entrüsten sich Sozialisten darüber, dass reiche Menschen ihr Geld oft für Luxusgüter ausgeben. Das führt sogar soweit, dass sozialistische Politiker des öfteren sogar eine Art Strafsteuer auf den Konsum von Luxusgütern vorschlagen, freilich ohne darüber nachzudenken, welche Konsequenzen das für die gesamte Volkswirtschaft hätte oder auch nur, was man genau unter einem Luxusartikel zu verstehen hat (1960 war auch ein Fernseher ein Luxusartikel).

Ein Sozialist gab einmal zu, dass der Konsum von Luxusgütern auch den Produzenten derselben und indirekt vielen anderen zu Gute kommt, doch gab er zu bedenken, dass manche so reich seien, dass sie das Geld schon nicht mehr ausgeben könnten. Stattdessen, so bemängelte er, würden sie es gewinnbringend anlegen.

Doch auch investiertes Geld verschwindet nicht einfach von der Bildfläche. Je nach Investition wird es Banken, Firmen oder anderen Einrichtungen zur Verfügung gestellt, was ebenfalls eine Rückführung in den Wirtschaftskreislauf bedeutet.

Arbeiter- und Bauernstaat

Sämtliche Sozialisten glauben natürlich, die Gründe von Armut und Arbeitslosigkeit genau zu kennen. Doch habe ich angesichts der Menge der sozialistischen Irrtümer den Verdacht, dass das mitnichten der Fall ist.

Nicht nur in der deutschen, sondern in der gesamten europäischen Wirtschaft herrscht derzeit kein Überschuss, sondern ein Mangel an Arbeitskräften.

Der Haken an der Sache ist, dass hauptsächlich hochqualifizierte Arbeitskräfte gesucht werden. Das liegt sicherlich daran, dass die Industriegesellschaft sich im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte weitgehend in eine Dienstleistungs- bzw. Informationsgesellschaft verwandelt hat. Personal, das niederqualifizierte Arbeiten verrichtet, ist vergleichsweise ersetzbar - es lässt sich durch Automation leicht einsparen und kann, da es oft nur wenig Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen muss, leichter wieder beschafft werden. Bei Rationalisierung oder Konjunkturschwäche sind deshalb niederqualifizierte Arbeiter die ersten, die ihren Arbeitsplatz verlieren, und sie sind diejenigen, die am ehesten Langzeitarbeitslose werden.

Je fortschrittlicher eine Gesellschaft ist, desto unwichtiger werden niederqualifizierte Arbeitskräfte.

Ähnlich verhält es sich mit den Bauern: Um 1950 ernährte ein deutscher Bauer durchschnittlich 10 Bundesbürger. 1990 waren es bereits 100. Der Fortschritt in der Agrikultur hat eine große Anzahl von Bauern bereits überflüssig gemacht. Man kann sich nun an diese Entwicklung anpassen, oder man kann versuchen, sie aufzuhalten, wie es von der EU in Bezug auf Landwirtschaft praktiziert wird oder in der "DDR" in Bezug auf die gesamte Volkswirtschaft versucht wurde. Wie jedoch die Umverteilung von Kapital hier etwas bewirken soll, ist nicht nachvollziehbar.

Ich möchte an dieser Stelle auch noch einmal darauf hinweisen, dass die hohe Arbeitslosigkeit in Deutschland vornehmlich im Osten des Landes vorherrscht - d.h. sie ist zum großen Teil eine Hinterlassenschaft des sogenannten "Arbeiter- und Bauernparadieses".

Zins und Zinseszins

Einer der liebsten Feinde der Sozialisten ist das Zinswesen.

Verwerflich finden sie daran, dass dadurch Kapital ohne Arbeit vermehrt wird. Die Tatsache, dass der Zins den Besitzern großer Kapitalmengen mehr Vorteile verschafft als den Besitzern geringer Geldmengen, kann man zwar unter Umständen als Ungerechtigkeit bezeichnen, doch muss man sich vor Augen halten, welchen Zweck der Zins erfüllt. Der Zins ist nichts anderes als eine Leihgebühr für flüssige Mittel und dadurch ein wertvoller Anreiz, Geld zu investieren und damit den Kapitalkreislauf am Leben zu erhalten.

Es gibt noch eine weitere Ideologie neben dem Sozialismus, die sich den Zins zum Lieblingsfeind erklärt hat. Es ist die sogenannte "Freiwirtschaftslehre" von Silvio Gesell (1863-1930), dessen Theorien über den Zins mir nicht prinzipiell falsch erscheinen, dessen Anhänger aber bisweilen zu denselben Fehleinschätzungen neigen wie die Sozialisten. Deshalb soll diese Theorie hier ebenfalls kurz erwähnt werden.

Im Zentrum steht die Einführung einer Art "negativen Zinses", durch den die Menschen nicht zum Investieren des Geldes verlockt, sondern dazu gezwungen werden soll. Im Klartext bedeutet das, dass flüssige Mittel nicht wie beim Zins immer mehr, sondern immer weniger werden, je länger man sie besitzt. Zwar habe ich mich noch nicht eingehend mit dieser Wirtschaftsform beschäftigt, doch bezweifle ich stark, dass das funktionieren kann.

Von Gesells Anhängern wird unter Anderem vorgeschlagen, man könnte den Wert von Bargeld davon abhängig machen, ob die Scheine mit kostenpflichtigen Wertmarken beklebt sind. Anscheinend ist das die freiwirtschaftliche Art von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, denn schließlich müssten so wohl täglich Millionen von Geldscheinen auf diese Art behandelt werden ...

Übrigens: Auch Gesell war der Meinung, die extreme Konzentration allen Kapitals stehe bevor. Das war vor ca. 100 Jahren.

International

Auf globaler Ebene sind die Befürchtungen der Sozialisten bezüglich Ausbeutung und Kapitalkonzentration wesentlich realistischer. Unterstützt werden diese Effekte jedoch unter anderem von einer Politik, die auch von sozialistisch angehauchten Regierungen mitgetragen wird. Zum Einen besteht sie in der Entwicklungshilfe, die diesen Namen keineswegs verdient, da sie selbst die letzten Reste einer in der Dritten Welt eventuell existenten Wirtschaft ruiniert und die Entwicklungsländer von den Finanzspritzen der Industrieländer abhängig macht. Zum Anderen begrüßen besonders Sozialisten den Protektionismus, weil sie glauben, damit die von ihnen so gefürchtete Globalisierung aufhalten zu können.

Der Real Existierende Sozialismus

Die kommunistischen Staaten haben überzeugend demonstriert, dass Wirtschaft nicht bis ins Detail planbar ist.

Wie eingangs gesagt wurde, ist eine Volkswirtschaft ein komplexes, nahezu unüberschaubares System. Ich wage zu behaupten, dass selbst unter Einsatz aller heute verfügbaren technischen Mittel eine gesamte Volkswirtschaft nicht planbar ist. Dass die planwirtschaftlichen Systeme in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts scheitern mussten, ist nicht verwunderlich.

Das schlimme am Sozialismus als Ideologie ist jedoch, dass das von Marx und Lenin erdachte System erfordert, dass wirklich jedes einzelne Mitglied der Gesellschaft freiwillig die Ideologie übernimmt und danach handelt. Das ist aber schon das größte Problem an der ganzen Sache:

Da die Idee von der Abschaffung des Privateigentums und die Gleichmachung jeglicher Art von Leistung (beide bedeuten das Ende aller Eigenverantwortung) der menschlichen Natur widerstrebt, ist Widerstand dagegen vorprogrammiert. Sozialismus überbetont den Sozialaspekt, aber verleugnet den Individualaspekt des menschlichen Charakters.

Zudem verfügt der Sozialismus bzw. Kommunismus über ein ausgeprägtes Freund-Feind-Schema. Was den Nationalsozialisten die Juden, Slaven und Volksfeinde waren, sind für den Kommunismus Kapitalisten, Intellektuelle und Klassenfeinde.

Diese beiden Tatsachen kommen den Machthabern in einem totalitären System sehr gelegen. Will man ein totalitäres System, das auf einer Ideologie basiert, aufrecht erhalten, so braucht man einen Feind, gegen den man sich verbünden muss. Der Feind darf aber nie besiegt werden, sondern es muss er Eindruck erweckt werden, dass er ständig im Verborgenen lauert, und es muss ständig die Angst vor ihm geschürt werden.

Genau wie die Ideen Adolf Hitlers eignet sich auch der Kommunismus dafür vorzüglich, denn die beiden obengenannten Eigenschaften sorgen dafür, dass es an Klassenfeinden und vermeintlichen Konterrevolutionären niemals mangelt.

Auf die Verbrechen, die im 20. Jahrhundert weltweit im Namen des Klassenkampfes begangen wurden, will ich hier nicht weiter eingehen. Nur soviel: Historiker schätzen, dass zwischen 1917 und 1989 der Ideologie Kommunismus etwa 100000000 (10^8) Menschen zum Opfer gefallen sind.

Das schlimmste Verbrechen des Kommunismus ist jedoch in meinen Augen, dass er "gut gemeint" war.

staatsrat am 2.9.09 23:09, kommentieren